Mehr als maximal geht nicht? Geht ja wohl.

Optionen sind eine ziemlich dynamische Angelegenheit. Preise ändern sich abhängig vom Verhalten der zugrundeliegenden Aktie, aber auch mit den Erwartungen der Marktteilnehmer. Im heutigen Artikel beschreibe ich einen Fall, in dem ich damit mehr als den üblichen „Maximalgewinn“ erzielen konnte.

Das übliche Bild

Und zwar geht es um einen „Bear Call Spread“, den ich am 8.12.2020 verkauft habe, für eine Prämie von 40$. Zur Erinnerung: Bei dieser Strategie verkauft („schreibt“) man eine Call-Option und kauft zur eigenen Absicherung ebenfalls einen Call, allerdings mit einem etwas höheren Strike-Preis.

In diesem Fall handelte es sich um Optionen auf XLB, den Materials Select SPDR-ETF (Materials-Sektor des S&P 500), mit den Strikes bei 76$ (short call) und 79$ (long call), und Ablaufdatum am 15. Januar. Dabei gilt immer: Die Option mit Strike näher beim aktuellen Kurs von XLB ist mehr wert als die weiter entfernte — deshalb erzielt man mit dieser Strategie einen Gewinn.

In Abbildung 1 ist zu sehen: Bei Ablauf der Optionen erzielt man den Maximalgewinn, sollte der Kurs von XLB unter 76$ bleiben, und der Maximalgewinn entspricht genau der anfangs eingenommenen Prämie.

Darstellung der Gewinn/Verlustbereiche beim XLB-Trade
Abb. 1: Gewinn/Verlust-Diagramm des Trades. Beim Bear Call Spread gewinnt man, solange der Kurs der zugehörigen Aktie unterhalb des Breakeven-Punktes liegt.

Aber so lief es diesmal nicht

Wie am Kursverlauf von XLB (Abbildung 2) zu sehen ist, lief der Trade für mich zunächst genau so wie erwartet: am 28.12. war der Kurs von XLB weit genug gefallen, dass ich den Trade nach der halben Zeit mit deutlich mehr als 50% des Maximalgewinns theoretisch hätte schließen können.

Das tue ich unter solchen Bedingungen auch immer, damit es sich der Markt nicht noch anders überlegt. Kleines Problem in diesem Fall: Niemand wollte mir den jetzt fast wertlosen Long Call bei 79$ abkaufen, denn der Kurs lag zu weit darunter.

Mir blieb aber eine andere Möglichkeit: Nur die Hälfte des Trades zu schließen, nämlich durch Rückkauf des Short Calls bei 76$. Das kostete mich 16$, d.h. mir blieben immer noch mehr als 50% des Maximalgewinns. Damit war jegliches Risiko für mich eliminiert, und der Long Call würde einfach in meinem Portfolio verbleiben und mit dem Ablauf wertlos verfallen.

Darstellung des Kursverlaufs des Materials Select SPDR ETF
Abb. 2: Kursverlauf von XLB. Mit vertikalen blauen Linien sind markiert der Einstiegszeitpunkt, sowie der Zeitpunkt, als ich den Short Call geschlossen habe. Mit einer horizontalen roten Linie ist der 76$-Strike des Short Call gekennzeichnet.

Der Markt überlegt es sich anders

Nur wenige Tage später ist XLB im Zuge der Senatswahl in Georgia plötzlich um fast 10% hochgesprungen, leicht jenseits der 76$. Der ursprüngliche Trade wäre damit in die Nähe der Verlustzone geraten.

Aber was war mit meinem halb beendeten Trade? Nun, den Short Call bei 76$ besaß ich nicht mehr. Der Long Call bei 79$ war jetzt aber wieder wesentlich mehr wert, da es wieder durchaus im Bereich des Möglichen schien, dass die Aktie auch noch jenseits der 79$ steigen würde.

Jetzt konnte ich meinen Long Call bei 79$, der vorher beinahe wertlos war, für 32$ verkaufen. Zusammen mit den vorherigen 24$ Gewinn hatte ich also einen Gesamtgewinn von 56$, obwohl der übliche „Maximalgewinn“ nur bei 40$ lag.

Achtung: All diese Zahlen sind vor Gebühren — der reale „Maximalgewinn“ wäre für mich bei 33$ gewesen, und am Ende sind 42$ Dollar für mich übriggeblieben. An der Aussage ändert sich dadurch also nichts.

Also machen wir das jetzt immer so?

Dieses Schema funktioniert übrigens spiegelverkehrt auch mit Bull Put Spreads (dann, wenn die Aktie zuerst steigt und danach wieder fällt). Man kann so einen Verlauf natürlich nicht erzwingen, da man den Kursverlauf einer Aktie nun mal nicht vorhersehen kann. Es gibt aber noch ein weiteres Problem.

Es ist nicht immer sinnvoll, nur „den halben“ Trade zu schließen. Bei teureren Aktien (etwa dem „SPY“ S&P 500 ETF) sind die einzelnen Optionen wesentlich teurer (mit positivem und negativem Preis, je nachdem ob long oder short). Selbst wenn der Spread als Ganzes an Wert verloren hätte und mit Gewinn geschlossen werden könnte, wäre es in so einem Fall nicht möglich, die Short-Option mit Gewinn zurückzukaufen.

Trotzdem lohnt es sich, die Möglichkeit eines solchen Verlaufs zu kennen und im Hinterkopf zu behalten. In diesem Fall hat mich das sogar vor einem möglichen Verlust bewahrt: Zwar ist das ursprüngliche Ablaufdatum (15.01.) noch nicht erreicht — wir kennen also das Endergebnis noch nicht — hätte ich den Trade aber unberührt gelassen, wäre er mit dem Sprung von XLB stark unter Druck geraten.

Ich hoffe, ihr konntet aus dem heutigen Artikel etwas mitnehmen. Vielen Dank für’s Reinlesen, ich freue mich auf’s nächste Mal!

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